Textatelier
BLOG vom: 22.04.2015

Chaos-Praxis: Im Labyrinth der Erkenntnis-Widersprüche

Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Beim Lesen von Büchern über die Funktionsweise des menschlichen Organismus erkennt man immerhin dessen Bemühen, alles in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen, wie das im gesamten Naturgeschehen überhaupt zu beobachten ist. Doch je eingehender man sich mit dem Zusammenspiel der Organe – von den Innereien über den Blutkreislauf bis zur Haut – befasst, desto deutlicher tritt zutage, dass dieses komplex verzweigte, von gegenseitigen Einflüssen bestimmte, multifunktionale Geschehen die Leistungsfähigkeit unseres Denkorgans, des Gehirns, weit überschreitet, das als solches auch wieder unergründlich ist. Wir stehen wie der Esel am Berg. Zwar spielen überall gewisse Naturgesetzmässigkeiten ihre Führungsrolle, die von individuellen Anlagen mitbestimmt sind, so dass jeder Mensch in seinem speziellen Umfeld gesondert erforscht werden müsste. Dazu reichen natürlich einige Blut- und Urinuntersuchungen nicht aus. Bestenfalls können solche Analysen grobe Anhaltspunkte geben, welche die Richtung für weitere Abklärungen vorzeichnen. Ob sie zielführend sind beziehungsweise sein können, bleibe dahingestellt. Fallen für Fehlinterpretationen und Fehlschlüsse sind überall aufgestellt.
 
Man versuche bloss einmal, sich vorzustellen, was die körpereigene Biochemie für unfassbar schwierige Aufgaben hat, nachdem wir ein vielseitiges Festmahl aus fantasievoll belegten Apérobrötchen, Weisswein, gemischtem Salat mit einer vielfältig gewürzten Sauce mit allem denkbaren Zubehör, dem Hauptgang aus Fleisch, aufmontiertem Bratenjus, Kartoffelpüree, Gemüse, dazu kohlensäurehaltiges Wasser sowie Rotwein mit Sulfiten und einem vielseitigen Dessert vor dem Kaffee und einer Spirituose genossen haben. Würde man das alles in einer Schüssel zusammenrühren, erhielte man eine Ahnung von der Komplexität dieses jetzt unansehnlichen Cocktails aus Festem und Flüssigen. Und wer die Aufgabe erhielte, das alles ordentlich zu trennen, in die einzelnen Moleküle zu zerlegen und sie mit Hilfe der Leber, die Hunderte von Funktionen wahrnehmen kann, am richtigen Ort im Körper einzusetzen oder zu deponieren, müsste kapitulieren, selbst ein Dozent für Biochemie von einer renommierten Universität.
 
Diese rudimentäre Beschreibung mag eine blasse Ahnung davon geben, vor welche Aufgabe sich ein Arzt gestellt sieht, der einem Patienten mit diffusen Krankheitsbildern gegenübersteht und aus einigen unbeholfenen beschriebenen Indizien seine Schlüsse ziehen und Massnahmen treffen sollte. Er müsste ein Genie sein, um aufgrund rudimentärer Angaben das Heilsgeschehen einzuleiten. Er kann zwar daraufhin wirken, dass sein Kunde erwiesenermassen krankmachende Ursachen beseitigt und ihm natürliche oder synthetische Mittel verschreiben, mit denen in ähnlichen Fällen gute Erfahrungen gemacht wurden, doch heilen muss und kann sich jeder Organismus nur selber. Es gilt also, die wunderbaren Selbstheilungskräfte anzuregen und zu unterstützen. Die Feinarbeit hat dann der Körper zu leisten.
 
Während ich das eintippe, wachsen rund um unser Haus am Jurasüdhang junge Löwenzahn- und Brennnessel-Pflanzen heran, und auf der feuchteren Nordseite stehen die Bärlauch-Schwerter aufrecht; sie vermögen, mischt man sie unter seinen Frühlingssalat, die Durchblutung sowie die Magen- und Darmfunktionen anzuregen. Uraltes Erfahrungswissen. Der Löwenzahn seinerseits stimuliert den Zellstoffwechsel und die Leberfunktionen. Die Dutzende von Wirkstoffen der Brennnessel sind unter anderem richtige Wohltaten für Nieren, Blase und Prostata, und sie steigern ihre Heilungskräfte in Kombination mit Birkenblättern.
 
Falls es stimmen sollte, dass immer genau jede Heilpflanzen im unmittelbaren Lebensraum eines Individuums zu finden sind, derer es dringend bedarf, hätten sie also auch eine diagnostische Aussagkraft. Doch viele moderne Menschen wissen nicht mehr viel davon, eine der Folgen von Desinformationen und der Hinwendung ans Unwesentliche. In der ständig wiederholten Fernsehwerbung wird gerade ein Kontaktgift angepriesen. Zeichentrickreich wird dargestellt, wie man Brennnesselpflanzen bis zum Pfahlwurzelende zum Absterben bringen kann. Ein kostspieliges Chemiegift, das Unheil über eine Heilpflanze bringt, leistet ganze Arbeit.
 
Wie allein schon die ununterbrochenen Kriege auf der ganzen Welt erkennen lassen, hat die Menschheit das Zerstören und Ermorden zu einer höheren Perfektion als das Erhalten und Heilen gebracht. Das Barbarische überlagert das Harmonische. Selbst viele im Labor entwickelte Heilmittel wurden zu Ziden (Insektizide, Bakterizide, Viruzide, Fungizide usf.), also zu Abtötungsmitteln, die im Mikroorganismus aufzuräumen haben, was bei schweren Erkrankungen sinnvoll sein kann, bei Übertreibungen aber chaotisch wirkt und den Organismus irritiert, falsch programmiert.
 
Die Neuerungen folgen sich in immer kürzeren Perioden, angetrieben vom Drang und Zwang zur Gewinnmaximierung. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden hinausposaunt, bevor sie den Zustand der Reife erreicht haben. Dabei geht es weniger um die Volksaufklärung als vielmehr die Absatzförderung damit verbundener Produkte und um die Profilierung des Forschers. Die grenzenlosen Verwirrungen ufern aus. Das Labyrinth wird dichter, undurchdringlich. Aussagen, Korrekturen, Dementis, neue Erkenntnisse, ob belanglos oder wichtig, mit schwer abschätzbarem Wahrheitsgehalt jagen sich.
 
Der beziehungsweise das Wirrwarr wird zum Chaos veredelt, ursprünglich die gestaltlose Urmasse (des Weltalls), die Auflösung aller Ordnung: das völlige Durcheinander, entweder als Urzustand oder durch menschliche Einflüsse heraufbeschworen. Die Wissenschaftler suchen darin Gesetzmässigkeit, ziehen den Zufall als Retter in der Erkenntnisnot herbei und feilen an der Chaostheorie; damit verbunden sind Namen wie Henri Poincaré, Edward N. Lorenz, Benoit Mandelbrot und Mitchel Feigenbaum. Sie beschrieben das durch den Zufall ermöglichte Bedingtsein von Ursache und Wirkung innerhalb geschlossener Systeme, wie es sie in der Praxis eigentlich kaum gibt. Auch der Mensch ist kein geschlossenes System. Er ist beispielsweise auf die Zufuhr von Atemluft, Wasser, Nahrung usf. angewiesen und produziert mannigfaltige Ausscheidungsprodukte. Sein Biotop mit den darin agierenden Lebewesen wirkt auf ihn ein.
 
Jedermann würde gern chaotische Systeme durchschauen, um Nutzen daraus ziehen zu können, so beim meteorologischen Geschehen, in der (Finanz-)Wirtschaft, im Verkehrsgewühl, in der Medizin usf. Und von Nutzen wäre es auch, könnte man die Lottozahlen im Voraus berechnen. Das alles scheitert an der sogenannten Heisenbergschen Unschärferelation im Rahmen der Quantenmechanik, wo physikalische Systeme eine Wellenform haben. Zeit, Ort und Bewegungen bringen also solche auf unser Erkenntnisvermögen hin vereinfachte Denkmodelle zum Einsturz, und so wartet man dann halt notgedrungen auf das nächste.
 
Prognosen beziehen Astrologen aus dem chaotisch anmutenden Universum, das selbstverständlich bestimmten Gesetzmässigkeiten folgt, oder man schöpft sie aus dem hohlen Bauch heraus. Das ist besonders in der Finanzwirtschaft üblich. Die Vorhersagen nehmen zwar ein paar vorliegende, bekannte Fakten als Grundlage, müssen aber notgedrungen die kommenden Unwägbarkeiten in Wirtschaft und Politik ausklammern oder durch die freie Fantasie ersetzen, wobei Zweckoptimismus oder Zweckpessimismus mitwirken können. Wer, um ein Beispiel zu nennen, viele Nestlé-Aktien besitzt, möchte, dass diese ihren Wert steigern, und er wird also eher positive Prognosen für dieses Unternehmen verbreiten, geboren aus einem Wunschdenken heraus. Wenn sich solche Vorhersagen mit der Zeit als irrig erweisen, werden Prognosen aufgrund der tatsächlichen Entwicklung sukzessive korrigiert, so dass sie sich also allmählich den tatsächlichen Werten angleichen und der auf den Wogen des Zeitgeschehens mitschwimmend Prophet sein Gesicht wahren kann.
 
Das alte Landsknechtlied, das auch zum Schweizer Soldatenliedbestand gehörte, bringt es auf dem Punkt: 
Das Leben ist ein Würfelspiel.
Wir würfeln alle Tage.
Dem einen bringt das Schicksal viel,
Dem and´ren Müh´ und Plage.
 
Wir würfeln blindlings drauflos, hoffen auf den Sechser, ohne zu wissen, wie man den Würfel bewegen muss, um diesen Idealfall herbeizuführen. Und die Logik dieser Liedeinleitung stimmt nur darin nicht, wo sie suggeriert, das Schicksal sein immer nur positiv, abgehoben von Müh‘ und Plage.
 
Man schlägt sich durch, wähnt sich in einem Wald von Wegweisern, die in beliebige Richtungen und ein und dasselbe Ziel nennen: ein angenehmes, möglichst beschwerdefreies Leben. Natürlich führen viele Wege nach Rom – es fragt sich nur, ob es denn immer Rom sein muss. Andere Kulturstätten sind ebenso erstrebenswert, und auch der Ort, wo man seine Wurzeln verankert hat, kann seinen Einfluss geltend machen.
 
Nur wer Resistenzen gegen verwirrliche, vereinnahmende Fremdeinflüsse entwickelt und seinen Lebensweg selber bestimmt, hat eine Chance, aber keine Garantie, aus dem Chaos auszubrechen, sich innerhalb einer Ordnung seines ordentlichen Daseins zu erfreuen und Musik nach Wahl spielen zu lassen. Der Würfel sollte bloss eine Unterhaltungsfunktion haben.
 
Den Löwenzahn mische ich dem Salat bei.
 
 
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